Den Finger am Abzug
In den vom Assad-Regime kontrollierten Teilen der syrischen Hauptstadt Damaskus fürchten viele Menschen einen Angriff der USA. Die militärische Präsenz in den Straßen hat stark zugenommen
In Damaskus ist die Stimmung vor Barack Obamas Rede an die Nation spürbar angespannt. Die Nerven liegen zwar noch nicht komplett blank, aber viele Leute beginnen schon mit Hamsterkäufen. Sie erwarten merklich besorgt die anstehende Kongreß-Entscheidung zum Militärschlag gegen ihr Land. Das normale Leben muß zwar unterdessen irgendwie weitergehen, aber Pessimismus macht sich breit. Die Unbeschwertheit ist aus dem Alltag der Menschen gewichen und das Lächeln aus ihren Gesichtern. Im 5-Minuten-Takt sind schwere Explosionen an den Stadträndern zu vernehmen.
Es gibt so viele Straßenkontrollen wie nie zuvor, auch noch in den kleinsten Nebenstraßen und an unerwarteter Stelle. Die schwer bewaffneten Soldaten patrouillieren auf den Straßen der ganzen Stadt mit dem Finger am Abzug ihres Sturmgewehrs. Das war Ende Juli noch nicht so. Da ließen die Soldaten ihre Kalashnikovs noch lässig über ihren Schultern baumeln.
Ein Soldat der Syrisch-Arabischen Armee, der einen Checkpoint in der Altstadt von Damaskus bewacht, sagt: “Unsere Armee verteidigt Syrien gegen jeden Gegner bis zu ihrem letzten Mann.” Er zeigt dabei stolz auf die Konterfeis von Vater und Sohn Al-Assad, die in Brusthöhe auf seiner Uniform aufgestickt sind, und fügt hinzu: “Ich bin bereit, für Präsident Bashar zu sterben.” An seinem Gürtel trägt der Soldat, wie inzwischen alle Angehörigen der Streitkräfte im Zentrum, eine Tasche, in der sich eine Gasmaske und Handschuhe befinden. „Wir sind vorbereitet auf alles”, kommentiert der Soldat während er den korrekten Sitz seiner Gasmaske demonstriert.
Im Vergleich zum Vormonat ist die Stadt inzwischen voll von Journalisten. Unter den in Damaskus eingefallenen TV-Crews sind derzeit CNN, BBC, France 24, CCTV und Russia Today. Die ARD-Mitarbeiter sind hingegen schon am 7. September abgereist. Ihr Fixer, so heißen die lokalen Producer dieser Fallschirm-Journalisten, fragt entgeistert: “Ich verstehe die Deutschen nicht. Wieso reisen sie ausgerechnet jetzt ab, wo doch gerade die ganze Welt hierherkommt?”
Die ausländischen Reporter laufen nun sogar schon im Zentrum mit Schutzhelm und Schußsicherer Weste herum und dies bei Temperaturen von über 40 Grad Celsius. “Bedenkt man, wie viele Menschen jeden Tag in Damaskus durch Scharfschützen ums Lebens kommen, schwitze ich lieber”, sagt einer von ihnen. Der Korrespondent eines internationalen Senders, der sich mit seinem Team die Zeit an der Bar des Journalisten-Hotels “Four Seasons” vertreibt, bemerkt zynisch: “Wir warten darauf, daß das große Feuerwerk beginnt.”
Die Meinungen zu dem drohenden Militärschlag der Amerikaner und Franzosen gehen in der Bevölkerung auseinander. “Die große Mehrheit ist wie ich allerdings dagegen”, erklärt Susanne Hinnaui. Die Sunitin, die als erfolgreiche Unternehmerin in der Pharmaindustrie tätig ist, positioniert sich politisch weder für noch gegen das Regime. Das wäre schlecht fürs Geschäft, ist sie sich gewiß. “Ein Bombardement Syriens wird nicht nur Militäranlagen, sondern auch große Teile der Infrastruktur zerstören wie zuletzt in Irak und Libyen geschehen und auch die Wirtschaft Syriens weit zurückwerfen”, begründet Hinnaui ihre anti-interventionistische Einstellung.
Immer deutlicher äußern hingegen weite Teile der wirtschaftlich abgehängten Bevölkerung ihren Unmut mit dem Regime. Hussein Maxos, ein Arabischlehrer aus Afif in Ost-Muhajerin, einem der besseren Viertel von Damaskus, verdiente bis vor drei Jahren sehr gut, indem er Botschaftsmitarbeitern im Einzelunterricht Arabisch lehrte. Seit der Schließung der westlichen Botschaften ist er arbeits- und inzwischen völlig mittellos. Er lebt von Spenden, die ihm einige seiner ehemaligen Schüler aus dem Ausland schicken. Maxos, ein bekennender Sozialist, der selber viele Jahre in der Baath-Partei aktiv war, ist zutiefst enttäuscht vom Regime, “das schon lange nicht mehr seinen eigenen Idealen gerecht wird”. Zwar existierten theoretisch noch die Strukturen, die das Regime in seinen Anfängen zum Wohle des Volkes geschaffen hat, “doch diese Errungenschaften und Vorteile, mit denen sich das Regime die Bevölkerung einst gefügig machte, kommen bei den Menschen nicht mehr an.” Inzwischen profitiere nur noch ein kleiner Teil der Bevölkerung vom Regime, so Maxos.

Dennoch ist der ehemalige Unterstützer des Regimes gegen jeglichen Einfluß von außen. “Die westliche Intervention benutzt die ethnische Vielfalt Syriens, um nach der altbewährten Strategie ‘Teile und Herrsche’ interne Instabilität zu erzeugen”, analysiert Maxos. “Während der Kolonialzeit benutzten die französische Kolonialmacht die Christen, Drusen und Alewiten, um mit ihrer Hilfe Kontrolle über das gesamte Territorium zu erlangen. Heute benutzt die westliche Intervention die Islamisten als ihre Agenten, um ihren Einfluß in Syrien zu stärken.” Doch nur weil die islamistischen Kämpfer derzeit schwächeln, erwägen die USA ein Bombardement Syriens, so ein breiter Konsens auf den Straßen von Damaskus.
  • Camera: Canon EOS 5D
  • Aperture: f/2.8
  • Exposure: 1/125th
  • Focal Length: 17mm

Den Finger am Abzug

In den vom Assad-Regime kontrollierten Teilen der syrischen Hauptstadt Damaskus fürchten viele Menschen einen Angriff der USA. Die militärische Präsenz in den Straßen hat stark zugenommen

In Damaskus ist die Stimmung vor Barack Obamas Rede an die Nation spürbar angespannt. Die Nerven liegen zwar noch nicht komplett blank, aber viele Leute beginnen schon mit Hamsterkäufen. Sie erwarten merklich besorgt die anstehende Kongreß-Entscheidung zum Militärschlag gegen ihr Land. Das normale Leben muß zwar unterdessen irgendwie weitergehen, aber Pessimismus macht sich breit. Die Unbeschwertheit ist aus dem Alltag der Menschen gewichen und das Lächeln aus ihren Gesichtern. Im 5-Minuten-Takt sind schwere Explosionen an den Stadträndern zu vernehmen.

Es gibt so viele Straßenkontrollen wie nie zuvor, auch noch in den kleinsten Nebenstraßen und an unerwarteter Stelle. Die schwer bewaffneten Soldaten patrouillieren auf den Straßen der ganzen Stadt mit dem Finger am Abzug ihres Sturmgewehrs. Das war Ende Juli noch nicht so. Da ließen die Soldaten ihre Kalashnikovs noch lässig über ihren Schultern baumeln.

Ein Soldat der Syrisch-Arabischen Armee, der einen Checkpoint in der Altstadt von Damaskus bewacht, sagt: “Unsere Armee verteidigt Syrien gegen jeden Gegner bis zu ihrem letzten Mann.” Er zeigt dabei stolz auf die Konterfeis von Vater und Sohn Al-Assad, die in Brusthöhe auf seiner Uniform aufgestickt sind, und fügt hinzu: “Ich bin bereit, für Präsident Bashar zu sterben.” An seinem Gürtel trägt der Soldat, wie inzwischen alle Angehörigen der Streitkräfte im Zentrum, eine Tasche, in der sich eine Gasmaske und Handschuhe befinden. „Wir sind vorbereitet auf alles”, kommentiert der Soldat während er den korrekten Sitz seiner Gasmaske demonstriert.

Im Vergleich zum Vormonat ist die Stadt inzwischen voll von Journalisten. Unter den in Damaskus eingefallenen TV-Crews sind derzeit CNN, BBC, France 24, CCTV und Russia Today. Die ARD-Mitarbeiter sind hingegen schon am 7. September abgereist. Ihr Fixer, so heißen die lokalen Producer dieser Fallschirm-Journalisten, fragt entgeistert: “Ich verstehe die Deutschen nicht. Wieso reisen sie ausgerechnet jetzt ab, wo doch gerade die ganze Welt hierherkommt?”

Die ausländischen Reporter laufen nun sogar schon im Zentrum mit Schutzhelm und Schußsicherer Weste herum und dies bei Temperaturen von über 40 Grad Celsius. “Bedenkt man, wie viele Menschen jeden Tag in Damaskus durch Scharfschützen ums Lebens kommen, schwitze ich lieber”, sagt einer von ihnen. Der Korrespondent eines internationalen Senders, der sich mit seinem Team die Zeit an der Bar des Journalisten-Hotels “Four Seasons” vertreibt, bemerkt zynisch: “Wir warten darauf, daß das große Feuerwerk beginnt.”

Die Meinungen zu dem drohenden Militärschlag der Amerikaner und Franzosen gehen in der Bevölkerung auseinander. “Die große Mehrheit ist wie ich allerdings dagegen”, erklärt Susanne Hinnaui. Die Sunitin, die als erfolgreiche Unternehmerin in der Pharmaindustrie tätig ist, positioniert sich politisch weder für noch gegen das Regime. Das wäre schlecht fürs Geschäft, ist sie sich gewiß. “Ein Bombardement Syriens wird nicht nur Militäranlagen, sondern auch große Teile der Infrastruktur zerstören wie zuletzt in Irak und Libyen geschehen und auch die Wirtschaft Syriens weit zurückwerfen”, begründet Hinnaui ihre anti-interventionistische Einstellung.

Immer deutlicher äußern hingegen weite Teile der wirtschaftlich abgehängten Bevölkerung ihren Unmut mit dem Regime. Hussein Maxos, ein Arabischlehrer aus Afif in Ost-Muhajerin, einem der besseren Viertel von Damaskus, verdiente bis vor drei Jahren sehr gut, indem er Botschaftsmitarbeitern im Einzelunterricht Arabisch lehrte. Seit der Schließung der westlichen Botschaften ist er arbeits- und inzwischen völlig mittellos. Er lebt von Spenden, die ihm einige seiner ehemaligen Schüler aus dem Ausland schicken. Maxos, ein bekennender Sozialist, der selber viele Jahre in der Baath-Partei aktiv war, ist zutiefst enttäuscht vom Regime, “das schon lange nicht mehr seinen eigenen Idealen gerecht wird”. Zwar existierten theoretisch noch die Strukturen, die das Regime in seinen Anfängen zum Wohle des Volkes geschaffen hat, “doch diese Errungenschaften und Vorteile, mit denen sich das Regime die Bevölkerung einst gefügig machte, kommen bei den Menschen nicht mehr an.” Inzwischen profitiere nur noch ein kleiner Teil der Bevölkerung vom Regime, so Maxos.

Dennoch ist der ehemalige Unterstützer des Regimes gegen jeglichen Einfluß von außen. “Die westliche Intervention benutzt die ethnische Vielfalt Syriens, um nach der altbewährten Strategie ‘Teile und Herrsche’ interne Instabilität zu erzeugen”, analysiert Maxos. “Während der Kolonialzeit benutzten die französische Kolonialmacht die Christen, Drusen und Alewiten, um mit ihrer Hilfe Kontrolle über das gesamte Territorium zu erlangen. Heute benutzt die westliche Intervention die Islamisten als ihre Agenten, um ihren Einfluß in Syrien zu stärken.” Doch nur weil die islamistischen Kämpfer derzeit schwächeln, erwägen die USA ein Bombardement Syriens, so ein breiter Konsens auf den Straßen von Damaskus.